Alternative Fakten: Auf diese fünf Statistiken können wir in Zukunft verzichten

Tja der neue US-Präsident ist keine Woche im Amt und hat bereits den Begriff gefunden, der seine Amtszeit begleiten wird – Alternative Fakten. Dabei vergisst der mächtige Mann im Weißen Haus, dass Fakten keine Verhandlungssache sind, sie sind nun mal da. Gras ist grün, der Himmel ist blau – daran finden wir wenig Streitbares. Im Eishockey gibt es in der kanadischen und amerikanischen Bloggerszene seit einigen Jahren ein Umdenken um neue analytische Fakten hervorzubringen. Ich bin bereits in meinem Beitrag zum „Glück“ im Eishockey darauf eingegangen.
Mittlerweile gibt eine ganze Reihe von neuen Statistiken. Es werden Schusspositionen aufgezeichnet, daraus resultierend wird die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolgs berechnet. Wir können heute viel mehr über die Qualität eines Spielers aussagen, als dies noch vor fünf-sechs Jahren der Fall war. Teilweise reichen einfache Erhebungen, um den Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft zu analysieren. Oft reicht schon ein Blick auf den PDO-Wert und das Schussverhältnis.
Wenn wir diese neuen Statistiken ironisch als die „Alternativen Fakten“ des Eishockeys bezeichnen (in dem Wissen, dass wir neue Fakten zur tieferen Betrachtung eines komplexen Sports geschaffen haben), dann können wir uns über die Statistiken unterhalten, auf die wir in Zukunft verzichten können, sollten und manchmal einfach müssen.

CHECKS

Keine Sorge, ich will nicht, dass Checks aus dem Sport verschwinden. Es geht rein um die Statistik und die Art und Weise, wie sie in der Berichterstattung genutzt wird. Mir ist es besonders während des DEL-Finals der vergangenen Saison aufgefallen. Wolfsburg verlor die Serie gegen München deutlich in vier Spielen. Während einer Übertragung blieb mir ein Zitat in den Ohren: „Wolfsburg dominiert den physischen Teil des Spiels, sie haben deutliche mehr Checks als die Münchener.“ Ja und? Was sagen Checks über eine Mannschaft aus?

Zu erst einmal, dass sie den Puck nicht hat. Eine Mannschaft die viel checken muss, hat in der Regel nicht sehr viel Scheibenbesitz. Man benötigt den Puck allerdings um ein Tor zu erzielen, also ist ein deutliches Plus in der Kategorie vielleicht gar nicht so gut? Viel mehr könnte man darauf schauen, wie oft Körperkontakt zu einem Puckbesitz-Wechsel geführt hat. Dann hätten wir eine wertvollere Aussage über das physische Spiel einer Mannschaft.

GEBLOCKTE SCHÜSSE

Dies wird in Deutschland oft nicht als reine Zahl präsentiert, viel mehr berufen sich die Kommentatoren in der Regel auf ihr Bauchgefühl. In der NHL sieht es etwas anders aus. In der besten Liga der Welt werden geblockte Schüsse über die gesamte Saison erhoben. Doch was sagen Blocks aus?

Im Grunde verhält es sich dabei wie bei den Checks. Eine Voraussetzung für einen Block ist, dass der Gegner zuvor den Puck schießt und somit in Scheibenbesitz ist. Ein Spieler mit vielen Blocks hat also selten die Scheibe und lässt überspitzt auch noch zu, dass der Gegner häufig schießt.
Sich ab und zu in einen Schuss zu werfen ist wichtig, zu viele Block sollten jedoch zum Umdenken anregen.

FACEOFFS

Auf der Datenseite der Deutschen Eishockey Liga finden wir eine Übersicht über die Bully-Quoten der 14 DEL-Teams. Doch was sehen wir, wenn wir die Tabelle betrachten? Eigentlich sehen wir nichts. Wir bekommen einen Teamwert. Jedoch fehlt die Aussagekraft der Statistik, die uns dabei hilft, eine gute Bully-Quote ausreichend zu bewerten. Während eines Spiel kommt es zu jeder Menge Faceoffs, in der neutralen Zone, offensiv und defensiv. Ein gewonnenes Bully in der eigenen Zone oder im Angriff sollte in der Wertigkeit deutlich höher liegen, als ein Bully an der blauen Linie. Ähnlich sieht es mit einem Anspiel zum Spielbeginn und einem Anspiel in der letzten Minute aus. Zu viele Variablen bleiben verborgen. Was nützt eine gute Quote, wenn die Scheibe direkt danach verloren geht?
Ein Beispiel: Red Bull München hat eine Faceoff-Quote knapp über 50 Prozent. Der Titelverteidiger befindet sich damit ligaweit auf dem fünften Platz. Das Torschussverhältnis (Puckbesitz) der Münchener ist mit fast 60 Prozent jedoch überragend.

GEGENTORSCHNITT/GOALIE-SIEGE

Ich fasse die beiden Statistiken zusammen, da sie beiden in dieselbe Kategorie fallen. In erster Linie sind sie Team-Statistiken, die sich kaum dazu eignen einen Goalie ausreichend zu beurteilen. Der Gegentorschnitt (Goals Against Average/ GAA) vernachlässigt die Anzahl an Schüssen, die ein Goalie in einem Spiel oder über eine Saison halten musste.
Ein kurzes Beispiel von zwei Goalies, beide Spielen je 60 Minuten:

Für welchen Goalie würdet ihr euch entscheiden? Sicher für Goalie B, denn er hatte die meiste Arbeit und konnte deutlich mehr Schüsse halten und doch haben A und B jeweils einen Gegentorschnitt von 3. Es gibt Modelle, die dies für Goalies über eine gesamte Saison hochgerechnet haben, mit dem Ergebnis, dass der Gegentorschnitt sehr wenig über die tatsächliche Qualität einen Torhüters aussagt.
Auch bei den Siegen verhält es sich so. Goalie B aus unserem Beispiel könnte das Spiel verloren haben, weil er vielleicht in einem schwachen Team spielt. Einige Teams, besonders in Europa, können sich nur einen guten Goalie leisten und dieser muss einen Großteil der Spiele seines Teams bestreiten. Petri Vehanen von den Eisbären Berlin startete bislang in 38 von 41 Spielen. Hinter einem kriselnden Team konnte er bislang 15 Siege und 22 Niederlagen einsammeln, dennoch gehört der Finne zu den besten Goalies der DEL.

PLUS/MINUS

Würden wir in unserer Mannschaft auf einen Alex Ovechkin verzichten? Nein, denn der Russe ist ein Garant für Tore. In seiner Karriere hat er fast 900 NHL-Spiele bestritten, über 1.000 Punkte gesammelt (547 Tore), doch seine Plus/Minus steht bei +83. Ursprünglich sollte die Statistik die Defensivstärke eines Spielers hervorheben können. Da sich der Wert ja immer um Eins erhöht, wenn der Spieler bei einem Torerfolg seiner Mannschaft auf dem Eis steht und um Eins reduziert, wenn der Gegner ein Tor schießt. Alles natürlich in Abhängigkeit zu seinen Mitspielern, die ebenfalls ein Plus oder Minus erhalten. Doch sagt sie rein gar nichts über die Defensivqualitäten eines Spielers aus. Wenn vier Mann einen guten Job in der Defensive machen und einer pennt und daraus resultiert ein Gegentor, dann gibt’s ein Minus für alle. Erkämpft sich ein Spieler die Scheibe an der blauen Linie und zieht allein vor’s Tor und trifft, während seine Reihe gerade wechselt, gibt’s für alle ein Plus. Es gibt zu viele Faktoren, die nicht in der Hand der Spieler liegen und zu willkürlich sind. Mehr zu diesem Thema gibt es auch in der in der aktuellen Ausgabe der Hockey Buddies, einem neuen Eishockey-Podcast in, dem ich mich mit Christoph Fetzer von Telekom Eishockey regelmäßig über Eishockey unterhalte.

Das sind meine fünf Statistiken, auf die ich in Zukunft gern verzichten kann. Auf welche Statistiken könnt ihr verzichten?

Tom Kanzock

Tom Kanzock ist Eishockey-Nerd durch und durch. Im März 2015 hat er schlittschuhtor.de ins Leben gerufen, um eine Alternative zur deutschen Eishockeyberichterstattung zu schaffen.